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Presseartikel

 Wirtschaftswoche: Krankes System

 

Nie zuvor wurde im deutschen Gesundheitswesen so viel bestochen, gelogen und getäuscht. Das behindert Innovationen und verschlechtert die medizinische Versorgung. Eine Reise an die Tatorte des Gesundheitskrimis.

Als Wissenschaftler ist Harald Mischak eine große Nummer: Der in Hannover lehrende Bio­chemie-Professor veröffentlicht in den angesehensten Fachma­gazinen der Welt, bekommt Professoren­stellen an renommierten Universitäten angeboten und gilt international als Kory­phäe in seinem noch jungen Forschungs­feld: der Proteomik. Mit seiner Ana­lysetechnik für körpereigene Eiweiße - den Proteinen - kann der gebürtige Ös­terreicher Krankheiten wie Krebs, Infark­te und Alzheimer früh vorhersagen. Mit seinem 2002 gegründeten Unternehmen Mosaiques Diagnostics and Therapeutics wollte er das Verfahren vermarkten.

Doch dabei machte Mischak einen schweren Fehler: Er legte sich mit deut­schen Ärzten an. Der Forscher entwickel­te einen Test, mit dem sich die häufigste Krebsart bei Männern, das Prostata-Kar­zinom, früh und sicher im Urin erkennen lässt. Der Test hätte zwar den Patienten geholfen, den Urologen aber heftige fi­nanzielle Einbußen beschert. Denn der neue Test hätte bisher übliche, teure und ungenaue Diagnoseverfahren überflüssig gemacht. Die Ärzte wehrten sich und brachten Mischaks Unternehmen an den Rand des Ruins. „Ich hätte es nie für mög­lich gehalten, mit welch üblen Tricks da gearbeitet wird", sagt der Wissenschaftler. Wieder einmal hat es eine medizi­nische Innovation nicht zum Patienten geschafft. Erneut ist eine sinnvolle Thera­pie im Sumpf aus Gier und Verlogenheit stecken geblieben. Und schon wieder fällt der Blick auf jenen Teil der Halbgötter in Weiß, die mit dubiosen Machenschaften ihre Zunft in Verruf bringen. Und doch sind käufliche Mediziner nur ein Teil des Problems im verworrenen System des deutschen Gesundheitskartells. Pharmakonzerne spielen eine mindestens ebenso große Rolle: Viele von ihnen schmieren Medizinexperten für wohlwollende Worte auf Kongressen. Außendienstmitarbeiter führen die Masse der Ärzte mit dubiosen Auslegungen von Studienergebnissen in die Irre. Und manche Hörgeräteakustiker und Optiker zahlen Prämien für neue Pa­tienten.

Die WirtschaftsWoche hat zahlreiche brisante Fälle recherchiert, die belegen, dass dubiose Machenschaften in fast allen Sektoren des Gesundheitssystems zu fin­den sind: in Arztpraxen, Kliniken, Labo­ren und auf Tagungen - kaum ein Winkel, der nicht zum Tatort wird. Seit Jahren zählt laut Statistik des Bundeskriminalam­tes der Medizinbetrieb neben der Bau­industrie zu den korruptesten Branchen.

Der Sumpf gedeiht prächtig. Rund 260 Milliarden Euro gibt es im deutschen Gesundheitsmarkt zu verteilen, das ent­spricht etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Taiwan. Das System ist nach einer endlosen Zahl von Reformen durch Dut­zende Abrechnungsziffern und Honorar­deckelungen nicht nur völlig intrans­parent. Es lädt auch zu Betrug geradezu ein. Das deutsche Gesundheitssystem sei längst eine „versteckte Planwirtschaft", die skurrile Blüten treibe, wettert Philipp Rösler, FDP-Wirtschaftsminister in Nie­dersachsen, selbst promovierter Medizi­ner: „Es fehlt ein echter Anreiz zu öko­nomischem und innovativem Handeln."

Die Schmiergelder stammen in der Regel von Pharmakonzernen. Die bu­chen ihre Ausgaben auf das Marketing­budget, was in der Branche kein Geheim­nis ist. Bei den meisten Größen der Bran­che macht dieses Budget laut Geschäfts­berichten gut ein Drittel des Umsatzes aus - mehr als die Ausgaben für Forschung, die nur bei etwa 15 bis 20 Prozent liegen.

Die Konzerne haben ein großes Inte­resse daran, sich den Medizinern anzu­dienen. „90 Prozent ihres Umsatzes ma­chen sie mit Ärzten", sagt Korruptions­experte Uwe Dolata, Sprecher des bayri­schen Landesverbandes im Bund Deut­scher Kriminalbeamter. Und Mediziner verordnen nicht nur Medikamente. Sie führen auch Studien für neue Produkte durch und sitzen in Kommissionen, die über die Zulassung von Präparaten ent­scheiden.


»Ich hätte es nie für möglich gehalten, mit welch
üblen Tricks da gearbeitet wird«

Auszug Presseartikel | © WIWO 28.09.2009

 

Erstellt 28/09/2009 von Admin